Herz-Medikamente für Gesunde

nicht nur hohe Cholesterin- und Blutdruckwerte sind gefährlich. Auch gegen ein Eiweiß im Blut muss man medikamentös vorgehen, behauptet ein internationales Forscherteam.

Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte erhöhen die Gefahr, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Doch möglicherweise gibt es einen weiteren, bisher übersehenen Risikofaktor: die Konzentration eines Proteins, des sogenannten C-reaktiven Proteins (CRP), im Blut. Darauf deutet hin, dass etwa die Hälfte der Herzinfarkt- und Schlaganfall-Patienten eigentlich tadellose Cholesterin- und Blutdruckwerte besitzen.

Es muss also andere Einflüsse geben, glauben einige Mediziner. Der Kardiologe Wolfgang Koenig vom Universitätsklinikum Ulm etwa ist überzeugt, dass CRP - es weist auf einen entzündlichen Vorgang irgendwo im Körper hin - künftig für die Früherkennung wie auch die Behandlung drohender Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine zentrale Rolle spielen wird.

Internationale Studie

Koenig gehört zu einem internationalen Forscherteam, das seine aufsehenerregenden Befunde im angesehenen Fachblatt «New England Journal of Medicine» (NEJM) veröffentlichte: Der Wirkstoff Rosuvastatin vermindert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei älteren Menschen mit erhöhten CRP-, aber normalen Cholesterin-Werten. Die Jupiter-Studie schloss fast 18 000 solcher augenscheinlich gesunder Probanden in 26 Ländern ein.

Wie alle bisher entwickelten Medikamente aus der Klasse der Statine blockiert Rosuvastatin die körpereigene Herstellung von Cholesterin. Statine senken aber auch die CRP-Konzentration im Blut. In der Jupiter-Studiengruppe, die das Medikament erhielt, sank der LDL-Cholesterinspiegel der Probanden um die Hälfte, jener von CRP verringerte sich um mehr als ein Drittel gegenüber dem Ausgangswert. Vor allem aber ging die Zahl der Infarkte, Angina-pectoris-Attacken, Schlaganfälle oder Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück: 142 solcher «Ereignisse» waren nach knapp zwei Jahren in der Wirkstoff-Gruppe aufgetreten, 249 bei der gleich großen Placebo-Gruppe.

Gesunde als neue Zielgruppe?

Müssen also jetzt auch augenscheinlich Gesunde mit normalen Cholesterinwerten sich auf erhöhte CRP-Werte testen lassen und gegebenenfalls Statine schlucken?

Bei einer NEJM-Umfrage sprach sich etwa die Hälfte von rund 2500 Einsendern, größtenteils Ärzte, dafür aus. Skeptisch äussert sich dagegen Christian Seiler, stellvertretender Chef-Kardiologe am Inselspital Bern und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie (SGK). Zwar gebe es an den Ergebnissen der Jupiter-Studie nichts zu rütteln, sagt er: «Aber für mich ist noch zu wenig klar, ob die erhöhten CRP-Werte den eigentlichen Risikofaktor oder nur eine Begleiterscheinung der Arterienverkalkung darstellen.» Jetzt schon eine Wende bei der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Krankheiten auszurufen, sei verfrüht.

Fest steht aber, dass das Cholesterin als Haupt-Risikofaktor auf dem wissenschaftlichen Prüfstand steht. Die Cholesterin-Hypothese sei für manche «wie eine Religion», zitiert das Magazin «Science» den Kardiologen Harlan Krumholz von der Universität Yale.

Wenn aber die Cholesterinwerte nicht das gesamte Risiko offenbaren - was dann? Wissenschaftler haben in den letzten Jahren etliche weitere Substanzen unter die Lupe genommen - und immer wieder verworfen: Bald galten die Homocystein-Werte als mögliche Meßgrösse, bald Apolipoproteine oder Folsäure. Jetzt ist es das C-reaktive Protein.

Verletzung der Gefäße

Als Hinweis auf entzündliche Erkrankungen, wie sie etwa durch eindringende Bakterien ausgelöst werden können, ist das Molekül lange bekannt. Inzwischen gilt als gesichert, dass auch die Bildung von Ablagerungen an den Wänden der Blutgefässe mit Entzündungsvorgängen einhergeht. Wie jede Entzündung setzen diese eine Kettenreaktion des Immunsystems in Gang, die zur Ausschüttung von CRP führt. Möglicherweise, so die neue These, ist das CRP auch direkt an der Entstehung von mikroskopischen Verletzungen der Gefässwände beteiligt. Jedenfalls minderte die Senkung des CRP-Spiegels in der Jupiter-Studie eindeutig die Zahl der Erkrankungen und die der Todesfälle.

Bis jetzt bekommen nur Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben, und solche, deren Cholesterinspiegel einen bestimmten Grenzwert übersteigt, Statine verordnet. Würde die Behandlung auf Patienten ausgedehnt, die lediglich einen höheren CRP-Spiegel aufweisen, hätte das markante finanzielle Auswirkungen. In den USA etwa würde die Zahl der Patienten um rund 30 Prozent auf 35 Millionen steigen. Krankenkassen und Gesundheitspolitiker müssten ausrechnen, ob sich die Neuorientierung der Behandlung gesamtgesellschaftlich lohnt. Allein dem Gemeinwohl würde die Verabreichung von Statinen jedenfalls nicht dienen: Paul Ridker, der Leiter der Jupiter-Studie, ist Mitinhaber von Patenten für die Messung von CRP zwecks Risikoermittlung. Der Rosuvastatin-Hersteller Astra-Zeneca, den die Studie als Unterstützer ausweist, ist einer der Lizenznehmer dieser Patente.

«Nach den bisherigen Maßstäben müssten lauter gesunde Leute das Medikament einnehmen», sagt SGK-Präsident Christian Seiler und kommentiert dies ironisch mit einer alten Medizinerweisheit: «Wer gesund erscheint, ist nur noch nicht ausreichend untersucht worden.»